Gesellschaft für die Dokumentation von Völkermorden

Petition gegen Völkermordleugner

Geschichtlicher Hintergrund (Völkermord)

Leugnen mit wissenschaftlichen Anstrich

Yusuf Halaçoğlu und die Türk Tari Kurumu - (TTK)

Das Buch „die Armenierfrage“ von Yusuf Halaçoğlu

Einige Anmerkungen zum Inhalt des Buches „Die Armenierfrage“

Voreinleitung von Uni. Prof. Dr. Norman Stone „Die Armenischen Massaker“

Historikertreffen

Das Österreichisch–Türkische Wissenschaftsforums (OTW) als Halaçoğlus Helfer

Verlagsförderung für Verlage, die Leugnern eine Bühne bieten

Der Schaden für die Armenier und den Versöhnungsprozess

Österreichische Quellen zum Völkermord

Die Petition und wer sie unterschrieben hat

Weiterführende Informationen zu Yusuf Halaçoğlu und seinem Buch

 

 

Geschichtlicher Hintergrund

Am 24. April begehen Armenier weltweit den Jahrestag des Genozids an ihrem Volk. Wieder werden sie sich, deren Angehörige und Freunde, an einem Mahnmal treffen und in tiefer Trauer der Opfer dieses Völkermordes gedenken. Die Erinnerung an die Ermordung ihrer Vorfahren, Verwandten, Nachbarn und Freunde ist tief in den Seelen derer verankert, die überlebt haben. Das Wissen, aber auch der Schmerz über den Verlust der Lieben wird in einer armenischen Familie von Generation zu Generation weitergegeben.

 

Dieser Genozid, geplant und begangen von den osmanischen Türken, traf nicht nur Armenier, sondern alle orientalischen Christen, die sich in der Einflusssphäre des damaligen Osmanischen Reiches befanden. Zu hunderttausenden wurden die Christen, allen voran die Armenier, in Eilmärschen, zum Teil über Umwege (um die Distanz zu erhöhen), gegen Süden, in Richtung syrisch-mesopotamische Wüste getrieben. Die wenigen, die Mord, Vergewaltigung und Hunger überlebten, erwartete ein Konzentrationslager. Wenn dieses überfüllt war, wurden die Unglücklichen in die Wüste getrieben und sich selbst überlassen.

 

Dies sind Erinnerungen sowohl von Opfern als auch von Tätern! Viele Türken wissen, was damals geschehen ist und die Aufrechten schämen sich dessen. Sie würden alles dafür geben, es ungeschehen zu machen.

Kurz nach dem Ersten Weltkrieg landeten britische Truppen in Konstantinopel und verhafteten viele der Verantwortlichen des Genozids. Einige kamen vor Gericht und wurden wegen „Vergehen gegen die Menschlichkeit“ verurteilt. Unter den zwanzig Todesurteilen war auch (in Abwesenheit) der ehemalige Innenminister und Hauptverantwortliche Talaat Pascha. Doch kaum waren die Briten verschwunden wurde der Völkermord als ein notweniger Schutz zum Erhalt des Osmanischen Reichs dargestellt (entschuldigt), verharmlost oder gar ganz abgestritten.

 

Leugnen mit Wissenschaftlichem anstrich

Die offizielle Türkei kann, „ja darf“, den Völkermord nicht eingestehen, da der Gründermythos, die Ehrenhaftigkeit der Gründer der Republik, nachhaltigen Schaden nehmen würde. Durch die Nürnberger Prozesse und die daraus folgenden juristischen Konsequenzen sah sich die Türkei im Geiste schon Kompensationszahlungen und Besitzansprüchen von Überlebenden und deren Nachkommen gegenüber. So begann der türkische Staat zuerst aus Scham, dann aus Angst, den Völkermord zu leugnen.

Die anfängliche Leugnung war recht Plump und die Armenier reagierten nicht drauf, weil die Leugnung offensichtlich war. So stellte beispielsweise Ahmet Vefa [1] die Behauptung auf, die Armenier würden ursprünglich aus dem heutigen Staatsgebiet von Griechenland stammen. Oder sie würden, nach einem Zitat des römischen Poeten Petroni, zuhause auf allen vieren gehen. [2]

 

Um die Abstammungsgeschichte der Türken und die Leugnung des Völkermords an den christlichen Mitbürgern im Ersten Weltkrieg auf „wissenschaftliche“ Beine zu stellen, wurden Institutionen wie die Türkische Historische Gesellschaft (Türk Tari Kurumu - TTK) gegründet. Heute steht dieser Institution Prof. Dr. Yusuf Halaçoğlu vor, der sie im Geiste des Begründers und Förderers Mustafa Kemal Atatürk leitet – mit dem Unterschied, dass heute die Leugnung des Völkermords an den Armeniern im Vordergrund steht, während es Atatürk um den „Beweis“ der Turk-stämmigen Besiedlung Kleinasiens von der Frühgeschichte an ging (vorchristliche Jahrtausende). Dies ist wissenschaftlich ebenso unhaltbar wie die Leugnung des Völkermords (erste Einwanderung von zentralasiatischen Turk-Stämmen im 10. Jahrhundert unserer Zeitrechnung).

Gemeinsam ist beiden Thesen, dass sie dem Besitzanspruch der Türken auf Kleinasien dienen sollen. Und dies erklärt auch, weshalb die Negierung des Völkermords mit einer Negierung armenischer Geschichte im allgemeinen verbunden ist: nie hätten die Armenier Eigenstaatlichkeit erreicht. Sie tauchen in der offiziell sanktionierten türkischen Historiographie in früheren Zeiten allenfalls als tribalistische Problemverursacher auf, um dann im 19. Jahrhundert ein „comeback“ als Verräter zu feiern.

 

Yusuf Halaçoğlu und die Türk Tari Kurumu - TTK [3]

Prof. Dr. Yusuf Halaçoğlu ist weltweit als Leugner des Völkermords an der christlichen Bevölkerung im Osmanischen Reich während des Ersten Weltkrieges bekannt. Der Wieser Verlag Klagenfurt/Österreich hat anfangs Januar 2007 ein Buch von eben diesem Prof. Dr. Yusuf Halaçoğlu herausgegeben. Daraufhin hatte Ende Februar unsere Partnerorganisation, Gesellschaft für bedrohte Völker - GfbV, Herrn Lojze Wieser einen Brief geschrieben und diesen um eine Stellungnahme gebeten. Bis heute (neun Wochen danach) haben wir keine Antwort erhalten.

 

Herr Halaçoğlu ist in seiner Funktion als Direktor der Türkischen Historischen Gesellschaft (TTK) prägend für die offizielle Sichtweise der Türkei auf die türkisch-armenische Geschichte.

 

Die türkische Geschichtsschreibung leugnet den Völkermord an den Armeniern in aggressiver Weise.

 

Es wird sogar die durch nichts zu belegende Behauptung aufgestellt, die Armenier ihrerseits hätten einen Völkermord an ihren muslimischen Mitbürgern begangen. Für all diese in der Türkei gängigen Behauptungen zeichnet die Türkische Historische Gesellschaft verantwortlich. Sehen Sie hierzu drei Filmausschnitte.

 

Diese Organisation ist es, die ihre international abgelehnten Thesen zum Maßstab erhebt. Ihre Vorgaben wurden und werden in türkischen Schulbüchern, Printmedien sowie im Fernsehen übernommen. Die TTK bestimmt damit nachhaltig das soziale Klima im Land.

 

Dieses Klima ist von Hetze gegenüber Andersgläubigen und Andersdenkenden geprägt und führte letztlich zur Ermordung des weit über die Türkei hinaus bekannten armenischen Journalisten Hrant Dink am 19.1.2007. Oder auch zum Mord an drei Mitgliedern eines christlichen Verlags in Malatya am 19.4.2007. Dink hatte immer wieder öffentlich über die Schikanen und Probleme der offiziellen Stellen gegenüber ethno-religiösen Minderheiten berichtet und offen vom Völkermord an den Armeniern von 1915-1918 gesprochen, was eine Hetzkampagne gegen ihn als Verräter nach sich zog und ihm schließlich zum Verhängnis wurde.

Der Mörder wurde als Held gefeiert und an einer Kirchenwand in Istanbul stand „wir haben einen Dink geschlachtet, wir werden euch alle töten“

 

Die staatlich verordnete Leugnung des Völkermords auf der einen Seite und die Erinnerung der Opfer und ihrer Nachfahren auf der anderen Seite erzeugen in der Türkei ein Spannungsfeld, in dem sich die christlichen Gemeinden bis heute befinden. Die Türkei hat, um nicht auf den harten Grund der Realität aufzuschlagen, dutzende Maulkorbparagraphen, wie den §301, eingeführt und verfolgt jeden juristisch, der dieses Tabu in der Türkei antasten will.

Parallel dazu werden sowohl im In- als auch im Ausland Broschüren, Bücher, DVD’s und Artikel produziert, die von einer „türkischen Version“ der Geschichte berichten. Dies lassen sich die türkischen Machthaber auch etwas kosten.

Der physischen Verfolgung ist heute die psychische Verfolgung in Form von Leugnung oder Verharmlosung des Völkermords gewichen. Und das nicht nur in der Türkei, sondern auch in Europa und den USA/Kanada.

 

Das Buch „die Armenierfrage“ von Yusuf Halaçoğlu

Bücher der Art, wie sie Yusuf Halaçoğlu herausgibt, sind kein Beitrag zur Wahrheitsfindung, sondern eine Strategie, die Lüge weiter aufrecht zu erhalten und zu verbreiten. Dies bewies Prof. Halaçoğlu mehrmals. Er war mit seinen Aussagen sogar im deutschen Fernsehen zu sehen, beispielsweise am 31.7.2005 auf Phönix. In der 19. Minute eines Beitrags von Stefan Hallmann ist zu sehen, wie Halaçoğlu vor einem Massengrab steht, aus dem neben den Überresten von Menschen auch ein blütenweißer Plastiksack ausgegraben wird. Halaçoğlu bezeichnet dieses Massengrab als Werk der Armenier. Dass es während des Ersten Weltkriegs noch keine Plastiksäcke gab, interessiert den Experten freilich nicht. Siehe Ausschnitt.

 

Yusuf Halaçoğlu wurde in der Schweiz wegen Verstößen gegen den Strafrechtsartikel 261bis (Rassendiskriminierung) angezeigt, und die Behörden haben Untersuchungen gegen ihn eingeleitet. Sein Verfahren ist nach wie vor anhängig, weil sich der Beschuldigte der Befragung durch die schweizerischen Behörden entzogen hat. Seine Behauptung in einem Interview mit der Tageszeitung “Die Presse” (erschienen am 26.01.2007), er sei in der Schweiz verurteilt worden, ist somit unrichtig.

 

Nur einige wenige Anmerkungen zum Inhalt des Buches „die Armenierfrage“

Prof. Yusuf Halaçoğlu betrachtet die Deportation anhand von „ausgewählte[n] Quellen“.  „Das Hauptproblem dabei ist, dass der Historiker [Halaçoğlu] auf die Quellen glaubwürdiger Zeugen vor Ort verzichtet: Damit steht oder fällt jedoch Geschichtsschreibung.“ [4] Hinzu kommt: „Eine gravierende Lücke klafft im ersten Hauptteil: Halaçoğlu übergeht schlicht die großen antiarmenischen Massaker vom Ende des 19. Jahrhunderts! Dabei müsste dieses zentrale Beispiel von Massengewalt im Zentrum des Interesses stehen in einem Kapitel, das auf die Ereignisse von 1915/16 hinführen will.“ [5] („die Armenierfrage“ 33ff)

„Über die gesellschaftliche und interethnische Wirklichkeit in den Ostprovinzen – dem Hauptschauplatz der langjährigen Reformbemühungen und des schliesslichen Genozids – weiss es [das Buch] praktisch nichts zu sagen. Der Autor sieht das Geschehen aus dem verengten Blickwinkel einer zentralstaatlichen Elite ohne Terrainkenntnis.“ [6] 

 

Weiters verschweigt der Autor den Angriffskrieg des osmanischen Reiches gegen das Russische Reich mit all den vorangegangenen Sabotageakte der Osmanen auf dem Staatgebiet des Russischen Reiches. Halaçoğlu „unterschlägt“ überdies die Inkompetenz des Kriegsminister Enver Pascha, der die Katastrophe von Sarikamis verursacht hat.

Im Dezember 1914 rückt auf direkten Befehl Enver Paschas die dritten osmanischen Armee (100.000 Soldaten) in Richtung der Stadt Sarikamis ab. Die nicht auf den Winterkrieg eingerichteten Soldaten müssen über Pässe auf die Stadt vorrücken und werden vom Winter überrascht. Die schlechten Witterungsbedingungen, 20-25 Grad unter Null und einen Meter Schnee, machen die Wege unpassierbar für den Nachschub. Dann folgen einige Schneestürme, die die verbliebenen 18.000 osmanischen Soldaten Mitte Januar 1915 zum aufgeben zwingen.

Halaçoğlu suggeriert, weil er nicht klar auf das Versagen von Enver hinweißt, dass der „armenische Verrat“ die osmanische 3. Armee vernichtet hätte. Weiters verschweigt der Autor die pan-turanistische (ein Riesenreich vom Bosporus bis zu den Grenzen Chinas in welchem alle Turkvölker vereint währen) Motivation, die letztlich hinter dem Feldzug gegen das Russische Reich stand.

Doch diese beiden zentralen Elemente (Envers Versagen und der Pan-Turanismus) sind es, die das Schicksal der Armenier im Osmanischen Reich letzten Endes besiegelt hatten.

 

Gut am Buch von Yusuf Halaçoğlu ist, dass in der Bibliographie auch deutsche (Lepsius Deutschland und Armenien 1914-1918, Potsdamm 1919), Französische (Lepsius, Le Rapport Sécret du Johannes Lepsius sur les Massacres d‘Arménien, Paris 1918) und englische Bücher (Henry Morgenthau, Ambassador Morenthau‘s Story, New York 1918) aufscheinen, also verwendet worden sind. Weder Morgenthau, noch Lepsius waren zwar vor Ort aber sie hatten wenigstens Kontakt zu Talaat Pascha, dem damaligen Innenminister und Hauptverantwortlichen des Genozids.

Doch wie konnte Prof. Dr. Yusuf Halaçoğlu, der keiner Fremdsprache mächtig ist, diese Bücher lesen?

 

Voreinleitung von Uni. Prof. Dr. Norman Stone

Dr. Norman Stone, der zur Zeit an der Koç-Universität in Istanbul lehrt, hat einen zweiseitigen Artikel mit dem Titel „Die Armenischen Massaker“ zu  diesem Buch beigesteuert. Sein „Beitrag“ ist im selben Tenor wie das Buch: Ausblendung von Fakten, Verdrehungen von Tataschen und übertreiben von armenischen Reaktionen auf osmanisch-türkische Handlungen.

Prof. Stone schreibt „[…] Prof. Halacoglus Buch zeigt auf, daß diese Version [es war Völkermord] verzerrt ist. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, machten die im russischem Dienst stehenden Armenier große Schwierigkeiten hinter der türkischen Front und verübten Massaker mit der Zielsetzung, die lokale muslimische Bevölkerung zu vertreiben. Die verfügbaren russischen Archive bestätigen diese Version der Geschichte. Die Umsiedelung einer potentiell feindlichen Bevölkerung wurde angeordnet, aber es gab ganz offensichtlich ernsthafte Bemühungen, deren Leben zu Schützen. Ostanatolien war allerdings ein rauer Ort, und die Beziehungen zwischen den nomadischen Stammesangehörigen und den sesshaften, wohlhabenden Armeniern war schon immer sehr schlecht. Die Reihen der Flüchtlinge wurden angegriffen, vergewaltigt und beraubt. Die Beamten, die dies zuließen – es handelt sich dabei um über 1200 Personen -, wurden von den zuständigen Autoritäten bestraft. Dieser Umstand widerlegt an und für sich schon jegliche Vorstellung, dass die osmanische Regierung gewünscht habe, das eine solche Absicht aufzeigen würde […]“ [7]

Die Aussagen von ranghohen Beamten, die während der Istanbuler Prozesse von der Systematik der Ermordung von Armeniern berichtet haben, Berücksichtigt Stone in keiner Weise. Auch das viele dieser Beamten, darunter der Innenminister des osmanischen Reiches, Talaat Pascha, wegen Vergehen gegen die Menschlichkeit (den Begriff Völkermord/Genozid gab es damals noch nicht) verurteilt wurden, scheint diesem „Historiker“ nicht geläufig zu sein.

Uni. Prof. Dr. Norman Stone wurde in der Schweiz wegen einem Artikel in der „Weltwoche“ zum Völkermord an den Armeniern, den er abstreitet, nach dem Strafrechtsartikel 261bis (Anti-Rassismusartikel) angezeigt.

 

Historikerkonferenz

Seitens der Türken wird immer wieder gefordert, eine Historikerkonferenz zu organisieren, um die Geschichte aufzuarbeiten. Tatsche ist, dass für alle Wissenschaftler, außer solchen, die im türkischen Sold stehen, dieser Völkermord hinlänglich bewiesen ist.

Trotzdem hat sich Prof. Halaçoğlu einigen westlichen Wissenschaftlern als Gesprächspartner und Co-Forscher angeboten. 2004 versuchte Halaçoğlu erstmals in Wien eine Konferenz unter Zuhilfenahme der führenden Mitglieder (darunter Inanç Atilgan) des „Österreichisch – Türkischen Wissenschaftsforums“ zu etablieren. Doch musste die Armenische Delegation erkennen, das diese Wissenschaftsplattform im Stile der Türkischen Historischen Gesellschaft den Völkermord an den Armeniern in Abrede stellte. Daraufhin brachen die Armenier den begonnen Dokumentenaustausch[8] ab.

Zuletzt drängte Herr Prof. Halaçoğlu auf eine wissenschaftliche Zusammenarbeit mit Ara Sarafian, dem Vorsitzenden des Gomidas-Institutes. Sarafian schlug vor, mit Halaçoğlu eine Fallstudie über die Region Harput zu machen, und verlangte, dass dieser (Halaçoğlu) ihm zwei Schlüsseldokumente (Deportationsbefehl und der Wiederansiedelungsbefehl), die im Osmanischen Archiv sein müssten, zugänglich machen soll. Doch Prof. Halaçoğlu legte die Dokumente nicht vor und behauptete stattdessen, dass die geforderten Dokumente nicht vorhanden wären. Daraufhin sagte Sarafian, dass man ohne diese Dokumente nicht arbeiten könne und wollte auch wissen, warum diese Dokumente nicht zur Verfügung stünden. Selbst in der Türkei wurde man ob der seltsamen Strategie von Herrn Halaçoğlu stutzig und er kam dort unter Beschuss.

Ähnlich verfuhr Halaçoğlu kurz zuvor mit Prof. David Gaunt von der Schwedischen Södertörns Universität College in Stockholm. Prof. Gaunt ist Historiker und Holocaust-Forscher und hat ein Buch zu den syrischen Christen in ihrem Siedlungsgebiet in Südostanatolien, insbesondere Diyarbekir, und im Nordiran geschrieben. Als Grundlagen dienten dem renommierten Forscher die erst vor wenigen Jahren zugänglich gemachten Militärarchive.

 

Das Österreichisch – Türkische Wissenschaftsforum (OTW) als Halacoglus Helfer

Das Österreichisch – Türkische Wissenschaftsforum hat maßgeblich zum Entstehen von Halaçoğlus neuem Buch „die Armenierfrage“ beigetragen, indem das Werk von Inanç Atilgan, dem wissenschaftlichen Leiter des otw‘s, ins Deutsche übertragen wurde. Dr. Atilgan hatte an der Universität Wien seine Studien 2003 abgeschlossen.

In Atilgans „Bemerkungen zur Übersetzung“ erklärt er: „[...] Die vorliegende Übersetzung ermöglicht es zum ersten Mal, ein historisch-wissenschaftliches Werk eines der renommiertesten, auf die vorliegende Fragestellung ausgewiesenen türkischen Historikers dem deutschsprachigen Leserpublikum Europas zugänglich zu machen. Für die Vergangenheitsbewältigung ist es unbedingt notwendig, bei der Auseinandersetzung mit dieser heiklen Frage all ihre Perspektiven in Betracht zu ziehen“[9] , führt der Übersetzer Inanc Atilgan weiter aus.

Der bekannte Züricher Historiker Hans-Lukas Kieser ist ein Kenner der jungen türkischen Geschichte. Kieser zu Halaçoğlu: „Dass der Präsident des Türk Tarih Kurumu zu einem Thema der jungtürkischen Epoche die Feder ergreift, obwohl er bisher nicht als Experte dieser Epoche hervorgetreten war, unterstreicht, wie wichtig ihm und der Institution, die er repräsentiert, das in seinem Büchlein portierte Anliegen ist.“ [10]

Zu Atilgans Anmerkung, diese „heikl[e] Frage“ aus „all ihre Perspektiven in Betracht zu ziehen“ kann man nur feststellen: „Der Bezug auf aktuelle Fachliteratur fehlt“[11] auch sonst werden wichtige Ereignisse in der türkisch-armenischen Geschichte wie oben beschrieben „lückenhaft“ und  einseitig wiedergegeben.

Inanc Atilgan hat schon in seiner Dissertation mit dem Titel „Die Umsiedlung der Armenier“ festgestellt: „Die Entscheidung für die Umsiedlung der Armenier innerhalb des Osmanischen Reiches war sicherlich ein legitimer Versuch, eine Gefahr, bei der es um Leben und Tod ging, auf extreme Art und Weise zu lösen“[12]. Als ob Alte Männer, Frauen und Kinder das osmanischen Reich in seiner Existenz bedrohen könnten. Genauso wie Halaçoğlu „übersieht“ Herr Atilgan die Sarikamis Katastrophe (siehe oben den Abschnitt „nur einige wenige Anmerkungen zu „die Armenierfrage“) und behauptet „Die osmanische Haltung war eine defensive Haltung in Kriegszeiten, um die eigene Sicherheit zu gewährleisten“ [13]  Kein Wort vom Angriffskrieg …

 

Weiters wird man in dieser Arbeit belehrt: „Im Zeitalter der Entstehung der  nationalen Begriffe und Staaten hegten einige Armenier den Wunsch, einen eigenen Staat zu proklamieren, obwohl sie - im Gegensatz zu vielen anderen nicht-türkischen Völker in keiner Region des Osmanischen Reichs die Bevölkerungsmehrheit stellten. Diese revolutionäre Gesinnung eines Teils der Armenier, die als Gegenbewegung gegen die rücksichtslosen Herrschaftsansprüche und Schikanen ein gewisses Maß an Autonomie zur Bewahrung der eigenen Lebensweise anstrebten, war vielleicht der Ursprung der ganzen Tragödie. Ein Teil der Revolutionäre  sah seine Chance in der Unterstützung der Russen und kollaborierte mit ihnen gegen ihren eigenen Staat. Das Bedürfnis der Armenier war Ausdruck ihres Mangels an Souveränität, es wurde durch  das Verhalten vor allem von Staaten, die dem Osmanischen Reich gegenüber eine reservierte Haltung einnahmen, durch deren wirtschaftliche, politische, kulturelle und sonstige Aktivitäten, bestärkt. Die osmanische Haltung war indes in Kriegszeiten defensiv, um die eigene Sicherheit zu gewährleisten.“[14]

 

Verlagsförderung für Verlage, die Leugnern eine Bühne bieten

Wenn das Bundeskanzleramt Verlage finanziell unterstützt, die Bücher mit derart menschenverachtendem Inhalt publizieren, dann unterstützt es damit indirekt die Leugnungspolitik der Türkei und leistet einen äußerst fragwürdigen Beitrag zur Völkerverständigung.

Wir können uns kaum vorstellen, dass das Bundeskanzleramt einem David Irving bei einer Publikation und damit der Verbreitung seiner Thesen, die jenen Halaçoğlus nicht unähnlich sind, finanziell unter die Arme greifen würde.

 

In dieselbe Kategorie von Publikationen fällt auch das Werk „Türkei“ von Tayfun Belgin, erschienen in der Edition Steinbauer. Dieser Verlag wird ebenso vom Bundeskanzleramt finanziell unterstützt. Das genannte Buch ist im letzten Jahr (2006) erschienen und hat uns ob der darin zutage tretenden Nichtbeachtung einschlägiger historischer Quellen verwundert.

 

Der Autor ist ein in Deutschland ausgebildeter Akademiker und leitet gegenwärtig die Kunsthalle Krems. Es ist also nicht davon auszugehen, dass er bisher nicht in der Lage war, unparteiische Quellen zur Geschichte seiner Heimat zu studieren. Dass er dessen ungeachtet weiterhin die offiziöse türkische Version der Geschichte propagiert, spricht Bände.

 

Der Schaden für die Armenier und den Versöhnungsprozess

Wie kann man ernsthaft Vergangenheitsbewältigung versuchen und Geschichte aufarbeiten, wenn der Markt von Büchern überschwemmt wird, deren Autoren elementare wissenschaftliche Standards missachten, und obendrein aus Steuergeldern subventioniert werden? Herr Dr. Belgins und Herr Dr. Halaçoğlus Buch entsprechen türkischen Standards, mit ausblenden von relevanten Fakten, leugnen, verharmlosen und schönreden der türkischen Verantwortung im ersten Weltkrieg, nicht aber dem europäischen wissenschaftlichen Ethos.

 

Ein Versöhnungsprozess, aller direkt beteiligten Volksgruppen kann und wird nicht stattfinden, wenn einer der Beteiligten (Türken) immerfort seine historische Verantwortung von sich weißt. Wir können nicht an einen Tisch kommen, wenn genau SOLCHE Bücher in den Bibliotheken stehen und als Grundlage für weitere Schritte, sei es in der Wissenschaft, in der Politik oder im täglichen Leben genommen werden.

Aber gerade das ist passiert. Das Buch „die Armenienfrage“ steht bereits in den Regalen der Bibliotheken wie die Bibliothek der Hauptuniversität, die Bibliothek der Universität Innsbruck, die Universitätsbibliothek Graz oder die Parlamentsbibliothek. Es reit sich ein neben den wissenschaftlich sauber recherchierten und dokumentierten Büchern und ist von denen nicht zu unterscheiden. Der Schaden für die Versöhnung ist nachhaltig!

 

Österreichische Quellen

Auch österreichische Quellen - Österreich-Ungarn war damals bekanntlich Alliierter des Osmanischen Reichs -, die in Halacoglus Buch erwartungsgemäß nicht berücksichtigt werden, sprechen von der Exterminierung des armenischen Volkes.

 

So schrieb beispielsweise Graf Trautmansdorff, der an der österreichischen Botschaft in Konstantinopel beschäftigt war, an Baron Burian, den Außenminister, am 30. September 1915: „Es ist heute nicht mehr zu leugnen, dass die Türken die zweifellos sogar zahlreich vorgekommen Fälle von Hochverrat und Aufruhr zum Anlass genommen haben, die Exterminierung der armenischen Rasse durchzuführen, was ihnen zu einem großen Teil gelungen zu sein scheint.“ [15]

 

Ähnliche Telegramme liegen auch von Diplomaten anderer Staaten vor, allen voran von damals ebenfalls mit dem Osmanischen Reich alliierten Deutschen. Siehe Lepsius Deutschland und Armenien 1914-1918, Potsdamm 1919, Bibliographie  des Buches „die Armenierfrage“. Besser ist es natürlich die unzensierten Akten unter www.armenocide.net zu konsultieren.

 

In letzter Zeit zu bemerkende Ansätze zur Verbreitung der türkischen Propaganda gegen Armenier in Österreich lassen sich nicht nur am skandalösen Wahlplakat des Favoritner ÖVP-Gemeinderats Iscel festmachen, weshalb dieser Politiker letztlich zurücktreten musste, sondern auch an Büchern, wie wir sie hier beanstanden, die dem interethnischen und interreligiösen Hass den Nährboden bereiten und den inneren Frieden in unser aller Heimat stören.

 

Die Petition und wer sie unterschrieben hat

Petition (Organisationen) gegen das Buch „Die Armenierfrage“ von Prof. Dr. Yusuf Halaçoğlu wurde von Armeniern, Kurden, Türken, Menschenrechtsorganisationen und anderen Verbänden unterschrieben. Nach eigenen Angeben vertreten alleine die österreichischen Organisationen 50-6o.000 Mitglieder.

Die Petition der Wissenschaftler wurde von namhaften Experten WELTWEIT unterstützt. Außerdem haben uns Mitglieder der INTERNATIONAL ASSOCIATION OF GENOCIDE SCHOLARS ihren offenen Brief an die Genozidleugner zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt.

 

Petition der Organisationen an den Wieser Verlag

Petition der Wissenschaftler und Institutionen an das Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur

 

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Weiterführende Informationen zum Yusuf Halaçoğlu und seinem Buch:

 

Hans-Lukas Kieser hat eine Analyse/Expertise auf türkisch zum türkischen Originalbuch geschrieben und heißt «Türk ulusal tarihçilik gölgesinde ‘Ermeni Tehciri’», Tarih ve Toplum, neu Aufgelegt 1–2005 (Istanbul: Iletisim, Spring 2005), pp. 241–58. (Concerning the Turkish version of the text currently at issue) und ist erhältlich unter: http://www.hist.net:80/kieser/pu/halac2001.html.

Die deutsche Übersetzung dieser Analyse/Expertise zu diesem Buch haben wollen liegt uns vor doch der Autor Hans-Lukas Kieser möchte nicht das dieser Rohentwurf öffentlich gemacht wird. Sollten Sie jedoch Interesse an dieser Analyse haben, kontaktieren sie uns bitte.

Taner Akçam, «Anatomy of a crime: the Turkish Historical Society's manipulation of archival documents», in Journal of Genocide Research, vol. 7, no. 2 (june 2005), pp. 255–277.

This critique concerns a later publication to which Halaçoğlu has contributed: Hikmet Cicek, Kemal Turan, Ömer Calik Ramazan, Halaçoğlu Yusuf. Erminiler: Sürgün ve Goç [The Armenians: Expulsion and Migration] (Ankara, TTK, 2004). It goes so far as to claim all available sources (German, Austrian, American, etc. – in addition to the Ottoman ones he deals with in his 2001 Turkish, and now 2007 Austrian-German work) would support the thesis that nothing was ever done to the Armenians. Akçam shows that this claim can only be put forward by incorrect translation, selective use of sources (the same, in their substance, had testified of the destruction of Armenians) – let alone, total avoidance to the point of total oblivion to most of the sources documenting the genocide.

Taner Akçam, Deportation and Massacres in the Cipher Telegrams of the Interior Ministry in the Prime Ministerial Achive (Basbakanlik Arsivi), Journal of Genocide Studies and Prevention, vol. 1, no. 3 (December 2006), pp. 305–325. Akcam shows how certain assertions by Halaçoğlu are untenable.

 

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Quellen zu unserem Artikel Petition gegen Völkermordleugner:

 

[1]  Ahmet Vefa, Die Wahrheit über die Armenier, Ankara 1976

[2]  Ahmet Vefa, Die Wahrheit über die Armenier, Ankara 1976, S 35

[3] Türk Tarih Kurumu (TTK); (deutsch „türkische historische Gesellschaft“) wurde am 15. April 1931 unter dem Namen, "Türk Tarihi Tetkik Cemiyeti" (deutsch: Untersuchungsgesellschaft der türkischen Geschichte) auf Veranlassung von Atatürk gegründet. Seit dem 3.Oktober 1935 trägt diese Gesellschaft ihren heutigen Namen und ihre Aufgaben sind in der Verfassung im Artikel 134 festgehalten.

Sie liefert(e) den „wissenschaftlichen“ Nachweis, dass Anatolien schon immer türkisch gewesen sei. Es habe auch nie einen armenischen Staat gegeben, und falls doch, so hätten die Türken (Seldschuken und Osmanen) als früher einen Staat auf diesem Territorium gegründet. Die Türkische Historische Gesellschaft verfügt über einen eigene „Abteilung“ für Armenische Fragen, die Leugnungsstrategien und  Rechtfertigungsargumentarien produziert.

Diese und andere politisch-historische Strategien machen die TTK bis heute zur Gralshüterin der kemalistischen Geschichtsschreibung, die Bestandteil der heutigen Schulbücher in der Türkei ist. Die „Türk Tarih Kurumu“ ist zusammen mit der "Türk Dil Kurumu"seit dem 11. August 1983 zusammengefasst im sogenannten Hohen Atatürk-Institut für Kultur, Sprache und Geschichte ("T.C. Atatürk Kültür, Dil ve Tarih Yüksek Kurumu").

[4] Hans-Lukas Kieser, Entwurf für Rezension zu Yusuf Halaçoğlu Ermeni Tarih ve gercekleri (1914-1918) Ankara 2001 Seite 5

[5] ebenda Seite 2

[6] ebenda Seite 4

[7] Yusuf Halacoglu, Die Armenierfrage, Wieser-Verlag, Klaenfurt 2006 S 9

[8] Es wurden seitens der Armenier Dokumente aus dem Österreichischen Archiv und aus dem Deutschen Poltischen Archiv übergeben. Diese Dokumente sind im schon Mitte der 1980er Jahren der Öffentlichkeit zugänglich.

[9] Yusuf Halacoglu, Die Armenierfrage, Wieser-Verlag, Klaenfurt 2006 S 12

[10] Hans-Lukas Kieser, Entwurf für Rezension zu Yusuf Halaçoğlu Ermeni Tarih ve gercekleri (1914-1918) Ankara 2001 Seite 1

[11] ebenda Seite 1

[12] Inanc Atilgan, Das Kriegsjahr 1915; Reaktion Österreich-Ungarn auf die Umsiedlung der Armenier innerhalb des Osmanischen Reiches Anhand von Primärquellen, Wien 2003, S 197

[13] ebenda, S 198

[14] ebenda, S 198

[15] Artem Ohandjanian: „Armenien“ der verschwiegene Völkermord“, Böhlau Verlag Wien, 1989, S.105