Hrant Dink, ein großer Armenier ist ermordet worden

Mit Bestürzung und Fassungslosigkeit haben wir von der Ermordung des international bekannten armenischen Autor, Journalisten, Chefredakteur und Menschenrechtler Hrant Dink erfahren.

 

Er wurde gegen 15:00 (lokaler Zeit) vor dem Redaktionsräumlichkeiten im Istanbuler Stadtteil Sisli auf offener Strasse von einem türkischen Nationalisten erschossen.

 

Dink war die Stimme der stetig kleiner werdenden armenischen Gemeinde in der Türkei. Sein Engagement für die Entrechteten, die Minderheiten und Verlierer der Gesellschaft machten ihn zu einem Menschenrechtler.

Seine viel beachtete bilinguale (türkisch, armenisch) Zeitung „AGOS“ griff immer wieder Tabuthemen auf wie den Völkermord an den Armeniern, weshalb ihn die türkischen Nationalisten hassten. Auf Hrant Dinks Computer fand die Polizei mehr als 2500 Drohbriefe (E-Mails), die er erhalten hatte. Aus demselben nationalistischen Gründen wurde er von den Beamten schikaniert und von der Justiz verfolgt. Mehrfach wurde er vors Gericht gezerrt, und musste sich wegen §301 „Beleidigung des Türkentums“ verantworten.

 

Bis heute wird in der türkischen Presse offen gegen Andersdenkende und Andersgläubige Stimmung gemacht. In der Türkei herrschst eine Atmosphäre der Einschüchterung von Minderheiten und anderer Randgruppen.

Dieses Klima zusammen mit der Verurteilung wegen „Beleidigung des Türkentums“ kostete Dink letzten Endes das Leben.

 

Trotz seiner leidvollen Geschichte - Dinks Vorfahren wurden während des Völkermordes an den Armeniern vertrieben oder ermordet - suchte er nach einem gemeinsamen Weg für die Nachfahren der Täter und Opfer. Er verfolgt eine Vision des friedlichen Miteinanders der Völker und eines friedlichen Miteinanders der Nachbarländer Türkei und Armenien.

 

Immer wieder wurde er vor Gericht gezerrt um ihn zu brechen oder öffentlich zu diskreditieren. Wie europäisch ist ein Land, das die intellektuelle Schicht der Minderheiten in ihrem Land verfolgt?

 

Mit der Identifikation des Mörders und seiner Hintermänner werden wir nicht zur Tagesordnung zurückkehren können. Laut der türkischen Presse war der Polizei in Istanbul bekannt das ein Anschlag auf Dink erfolgen soll. (Standard 30.1.2007)

Die Österreichische Außenministerin Ursula Plassnik gab am 20. Jänner zum Mordanschlag eine an Hrant Dink eine Stellungnahme ab

http://www.ots.at/presseaussendung.php?ch=medien&schluessel=OTS_20070120_OTS0033

 

Mittlerweile tauchen immer mehr Details zum Mordanschlag auf. So auch ein Video, auf welchem türkische Sicherheitskräfte den Attentäter wie einen „Held“ behandeln.

http://www.internethaber.com/news_detail.php?id=66158

http://www.youtube.com/watch?v=x4IUA2JVZPI&eurl=

 

Die Unfähigkeit der Türkei und ihrer offiziellen Vertreter sich offen und vorbehaltlos der eigenen Geschichte, insbesondere dem Völkermord an den Armeniern, zu stellen war ein entscheidender Mordmotiv der Verurteilung und des Mordanschlages.

 

Die türkische Tageszeitung Sabah brachte am 21. Jänner einen Artikel von Murat Bardakci heraus. In diesem Artikel wird der Massenmörder an den Armeniern Talaat Pascha mit  dem Armenier und Menschenrechtler Hrant Dink zumindest in einigen Punkten vergleichen.

 

 

http://www.voelkermord.at/docs/Dint_ist_gleich_Talaat_tr.pdf

Teilweise Übersetzung:

http://www.voelkermord.at/docs/Dint_ist_gleich_Talaat_dt.pdf

 

Am Dienstag den 23. 01. 2007 schlossen sich in Istanbul über 100.000 Menschen dem Trauerzug von Hrant Dink an. Die Menschen kamen um Dink und seiner Familie ihre Anteilname zu zeigen, aber auch unter Beweis zu stellen das sein Tod nicht um sonnst war.

Kein türkischer Spitzenpolitiker oder Beamte wollte Hrant Dink die letzte Ehre erweisen. Hatte Recep Tayyip Erdogan dem Nobelpreisträger Orhan Pamuk nicht zu seinem Preis gratuliert so forderten die Zeitungen „was du dort versäumt hast, hole bei Dink nach“. Doch Ministerpräsident Erdogan musste, als die Beerdigung von Hrant Dink stattfand einen Tunnel einweihen und „verpasste die Ausfahrt“ (Türkiye 24. 01. 2007),  zum Friedhof Balikli wo Dink beigesetzt wurde vorbei.

 

Unsere Partnerorganisation „Gesellschaft für bedrohte Völker“ Österreich hat zum Gedenken an Hrant Dink am 23. 01. 2007 eine Diskussionsveranstaltung organisiert und durchgeführt. Obgleich die Menschenrechtssituation in der Türkei seit Ende der 1970er immer schlechter geworden ist und die EU-Anpassungen der Menschenrechte sich im Alltag kaum niedergeschlagen hat, waren alle Anwesenden der Meinung, dass Dink‘s Tod vergebens wäre würde man die Türkei nun fallen lassen.

 

Wir trauern um einen großen Mann mit Visionen und vermissen seine einfühlsame Weisheit  jetzt schon.

 

Die letzten beiden Artikel von Hrant Dink in Deutsch und Türkisch:

 

Hrant Dink - vorletzter Artikel Warum ich zur Zielscheibe wurde (© voelkermord.at)

Hrant Dink - letzter Artikel Mein Gemütszustand eine aufgescheuchte Taube (© aga-online.org)

 

Grabrede von Rakel Dink (Hrant Dinks Frau) (© voelkermord.at)

 

Hrant Dink - Plakate A3 und A4 sowie Aufkleber „ich bin Hrant Dink“ A4 (© voelkermord.at)

 

 

© Bildquelle: Die Presse

© Bildquelle: AGOS

Gesellschaft für die Dokumentation von Völkermorden

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